05.03.2005 | Wiesbadener Tagblatt | Autor: Marianne Kreikenbom

Reise der Erinnerungen

Fernseh-Ausstellung: Raumpatrouille und HB-Männchen

Am 22. März feiert das Fernsehen in Deutschland seinen 70. Geburtstag. Dem Ereignis ist die gegenwärtige Ausstellung "20:15" gewidmet. Studenten und Dozenten der Fachhochschulen Wiesbaden und Mainz haben sie ermöglicht. Ihr Unternehmen dokumentiert nicht nur die Erfolgsgeschichte Fernsehen, sondern auch die eigene.


Nach Hitler und Krieg in den 30ern und 40ern markieren die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts nicht nur einen Neuanfang fürs Fernsehen, sondern den Aufbruch in die Ära des Massenmediums, das unser Bild von der Welt nachhaltig mitbestimmen wird. Dass dabei der Deutsche Fernsehfunk (DFF) im Osten dem Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) im Westen um vier Tage voraus war - wer hätte das gedacht? Doch während in der DDR anlässlich des 73. Stalin-Geburtstags am 21. Dezember 1952 nur ein Versuchsprogramm ausgestrahlt wurde, startete die Bundesrepublik ab Weihnachten mit täglich zwei Stunden Sendebetrieb sozusagen auf vollen Touren. Im (doppelten) Festprogramm gab es Grüße aus aller Welt, Tagesschau und Wetterkarte sowie Irene Koss, die erste Fernsehansagerin der ARD, mit einem Sinnspruch zum Abspann: "Eines nur ist Glück hienieden, eins: des Innern stiller Frieden."

Catherina Buck, Inke Kölln und Esther Masemann vom Wiesbadener Studiengang Kommunikationsdesign befragten Zuschauer unterschiedlicher Generationen nach Fernseherlebnissen und produzierten für die Ausstellung eine "Zeitreise durch die Erinnerung" auf DVD. Per Mausklick auf dem Computerbildschirm abrufbar, erfährt der Ausstellungsbesucher, an wen oder was aus unserer Fernsehvergangenheit sich andere - Ältere oder Jüngere - erinnern. "Ja, Irenchen Koss natürlich", schwärmt eine ältere Frau, und ein Mitfünfziger spricht von "wahnsinnig futuristischen Dingen" im TV- Abenteuer "Raumpatrouille" (1966). "Und diese Frau, die war so toll", sagt er und meint Schauspielerin Eva Pflug alias Tamara Jagellovsk an der Seite von Kapitän Cliff Allister McLane alias Dietmar Schönherr.

Insgesamt vier Multimedia-Projekte werden in "20:15" gezeigt. Die DVD "Abgedreht! Du siehst, was du glaubst" von Elisa Schön und Eveline Cecon weiht in Techniken, Tricks, Fernsehlügen und inszenierte Reportage ein. Susan Zimmermanns CD-Rom bietet "Wetten dass ...?" mit Thomas Gottschalk von A bis Z nebst Kleider-Puzzle. Und in "Kaufrausch" unternehmen Laura Schuth, Susanne Schwind und Andrea Haitz einen Ausflug in 50 Jahre deutsche Fernsehwerbung mit Nichts-geht-über-Bärenmarke und HB-Männchen, Meister Propper und Super-Waschfrau Klementine. Den allerersten Werbespot aber präsentierte 1956 der Bayerische Rundfunk, als er mit Liesl Karlstadt und Beppo Brehm für Persil Reklame machte. Wirken die Werbe-Oldies eher liebenswert brav, kommen die 2004 mit Werbe-Gold und Werbe-Silber prämierten Spots "Mountain" für Sony Playstation und "Schutzkampagne" für Tetra Pak ganz knackig im Geist der Jetztzeit.

Bei den Multimedia-Projekten haben Kommunikationsdesigner und Medieninformatiker der Fachhochschule Wiesbaden erstmals zusammen gearbeitet. Für Andreas Huthwelker und Dennis Riedel, die mit ihrem technischen Know-how an den Flashanwendungen "Kaufrausch" und "Wetten dass ...?" beteiligt waren, kein Problem. Schließlich befasse sich etwa ein Drittel ihrer Ausbildung mit Gestaltungsfragen. Auch die Internetseite für die Ausstellung (www.zwanzigfuenfzehn.de) entstand in ihrer Regie.

"20:15" ist eine Zeitreise in flimmernden Bildern, obwohl sie schon längst nicht mehr flimmern, sondern High Definition Television (HDTV), sprich: hochauflösendes Fernsehen geworden sind. Der kritische Blick auf das Massenmedium bleibt insgesamt weitgehend ausgespart. Er deute sich in den studentischen Kurzfilmen "Überdruck" und "User" zum Thema Reizüberflutung und Realitätsverlust durchaus an, erklärt Professor Dieter Fröbisch vom Wiesbadener Fachbereich Gestaltung. "Wir haben in der Vorbereitung lange über eine kritische Auseinandersetzung diskutiert." Aufdeckung und Wertung von Wirkungsmechanismen gehörten jedoch nicht in die Kompetenz von Gestaltern. "Unsere Zielgruppe ist ein breites Publikum, das sich hier wieder finden soll."

In den eingangs erwähnten 50er Jahren (gestaltet von Annika Weis) fragte ein Reporter Straßenpassanten, wie sie sich ihr Leben ohne Fernsehen dächten. "Dann würde ich mal wieder mit der Familie zusammensitzen und schön Gesellschaftsspiele spielen, Schach oder Halma."

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