01.03.2005 | Wiesbadener Tagblatt | Autor: Marianne Kreikenbom

"So echt wie in der Praxis"

Erfolgsgeschichte Fernsehen - eine Ausstellung und ihre Macher

Am 22. März feiert das Fernsehen in Deutschland seinen 70. Geburtstag. Dem Ereignis ist die gegenwärtige Ausstellung "20:15" gewidmet. Studenten und Dozenten der Fachhochschulen Wiesbaden und Mainz haben sie ermöglicht. Ihr Unternehmen dokumentiert nicht nur die Erfolgsgeschichte Fernsehen, sondern auch die eigene.


"Die Ausstellung steht, sieht gut aus, und alle können zufrieden sein", erklärten am Eröffnungsabend von "20:15" die Professoren Dieter Fröbisch aus Wiesbaden und Harald Pulch aus Mainz in bester Stimmung und gemeinsamer Rede. Kulturdezernentin Rita Thies als Auftraggeberin zeigte sich sogar höchst zufrieden. Sie verneige sich tief vor der großartigen Leistung, versicherte sie und hatte allen Grund dazu. "Die 500 Quadratmeter Ausstellung lassen ahnen, was ein Wiesbadener Museum für Deutsche Fernsehgeschichte auf 3000 Quadratmetern alles leisten könnte."

Fröbisch und Pulch hatten vor zwei Jahren eine Machbarkeitsstudie für die Vision des Wiesbadener Fernsehmuseums erstellt. Allerdings rückte dessen Realisierung angesichts enormer Kosten in weite Ferne. Aber "20:15" sei ein Appetithappen und bringe das Museum in Erinnerung. Günter Bartosch vom Förderverein des Fernsehmuseums hatte Anfang 2004 auf das 70-jährige Bestehen des Mediums hingewiesen und damit das Projekt angeregt.

Am 22. März 1935 startete in Berlin der Fernsehsender Paul Nipkow mit dem weltweit ersten regelmäßigen Programmbetrieb. Der älteste Fernsehapparat der Ausstellung ist ein 1937er Telefunken FE6 mit Spiegelbild, den ein Sammler aus Thüringen zur Verfügung stellte. Alle anderen Exponate stammen aus dem Fundus des Fördervereins Fernsehmuseum in Amöneburg. "Dessen Mitglieder nahmen sich stundenlang Zeit für uns", berichtet Sven Lipok vom Mainzer Studiengang Medien-Design. Gemeinsam mit Julia Hammel, Susan Zimmermann, Jürgen Dittes und Jan Hofmayer gehörte er zur Projektleitung. Eine zentrale Koordinierung und Organisation erwiesen sich recht bald als unverzichtbar. "Ich habe eine Menge gelernt, auch im Umgang mit sehr unterschiedlichen Leuten."

Innerhalb zweier Semester wurde auf dem Gelände des Wiesbadener Medienzentrums Unter den Eichen das bislang größte studentische Projekt der Fachhochschulen in Wiesbaden und Mainz realisiert. "So echt wie in der Praxis", sagt Harald Pulch stolz. Zwar legen die Ausbildungsstätten auch sonst Wert auf Praxisnähe. Doch diesmal bestand das Ziel nicht nur in der üblichen Präsentation und Diskussion von Modellen, Entwürfen und Plänen, sondern in der termingerechten Ausführung: von den ersten Fernsehbildern bis zur letzten Schraube am Gerüst.

Bei laufendem Lehrbetrieb beschäftigte "20:15" insgesamt über 80 Studenten aus insgesamt sechs Fachrichtungen. Ohne Bezahlung - was die Kosten senkte - und mit Unterstützung der beiden Professoren, der wissenschaftlichen Mitarbeiter des Fachbereichs Gestaltung sowie des Fördervereins Fernsehmuseum. Sie entwickelten Ideen, übernahmen (fast) jede Arbeit selbst, schlugen sich mit ungeahnten Problemen herum, bewiesen Einsatz, hatten Spaß und manchmal auch Frust, kamen an physische Grenzen und machten sich gegenseitig Mut, wenn nichts mehr zu gehen schien. Oder suchten mitten in der Nacht ein Quartier, weil die letzte S-Bahn in Richtung Heimat schon lange weg war. Dass Professor Fröbisch seine Studenten eines Tages vorsichtig fragte, ob er nach Hause gehen könne, gehört ebenfalls zu den wahren Begebenheiten. "Ohne die Ausstellung hätte ich mich nie so intensiv mit dem Fernsehen auseinandergesetzt", erzählt Jan Hofmayer, der in Wiesbaden Kommunikationsdesign studiert.

Jeder erlebe diese Ausstellung anders, meint Julia Hammel nach einer Führung mit Jugendlichen. Ältere freuen sich über Fernseherinnerungen, Junge staunen über eine Fernbedienung mit Kabel, stürzen sich auf die Computer, klicken sich durch die Specials zu Fernsehwerbung und Thomas Gottschalk oder stehen vor den Bildschirmen mit aktuellem Programm und sehen fern. Beim Eintritt in die Ausstellung fühlt sich der Besucher, als habe er gerade seine Wohnungstür geöffnet und das Programm läuft: Ekel Alfred und Peter Lustig, Sand- und Mainzelmännchen, Hans Rosenthal und Hans-Joachim Kulenkampff, Lindenstraße, Tagesschau und Tatort. Ihre Erkennungsmelodien und Sprüche vergessen wir nie. Wetten dass ...?

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