03.03.2005 | Wiesbadener Tagblatt | Autor: Marianne Kreikenbom

Superkamera für die Zeitreise mit Peter

Erfolgsgeschichte Fernsehen: Ein Trailer wird gedreht

Am 22. März feiert das Fernsehen in Deutschland seinen 70. Geburtstag. Dem Ereignis ist die gegenwärtige Ausstellung "20:15" gewidmet. Studenten und Dozenten der Fachhochschulen Wiesbaden und Mainz haben sie ermöglicht. Ihr Unternehmen dokumentiert nicht nur die Erfolgsgeschichte Fernsehen, sondern auch die eigene.


Etwa 76 Jahre alt müsste jemand sein und ein geborener "Fern-Seher", könnte er mit Recht behaupten, die Entwicklung des Mediums von 1935 bis zum heutigen Tag live miterlebt zu haben. Peter, der Protagonist des Trailers zur Wiesbadener Fernsehausstellung "20:15", ist so einer, wenn auch fiktiv. Daniel Seideneder (Regie) und Harald A. Capota (Kamera), Medien-Design-Studenten an der Mainzer Fachhochschule, begleiten den erdachten Zuschauer im Wandel von Zeitstil und Geschmack durch alle seine guten Stuben mit Fernsehapparat.

In Momentaufnahmen spiegelt dieser Werbefilm die Fernsehgeschichte und setzt als Schlusspunkt einen Fernseh-Mann ins Bild, der mit laufender Kamera in Peters Wohnung stürmt. Je öfter man den Trailer sehe, desto mehr Details entdecke man, sagt Daniel Seideneder. Zum Beispiel, dass wie auf Knopfdruck (den symbolisch 1967 Bundeskanzler Willy Brandt ausführte) Farbe ins Bild geschaltet wird, Möbel in den Raum ploppen oder die Simpsons auf den Fernseher segeln. Seideneder arbeitet gern mit Effekten wie Stopptrick oder Zeitraffer. Er und Capota bilden ein Gespann, das bestens zusammen arbeitet.

In schwungvollen Runden drehen sich die Bilder von Szene zu Szene und streifen 70 Jahre Fernsehen im Flug von nur 45 Sekunden. Kurz genug, um unentgeltlich ins Sendeprogramm zu kommen. Auch fürs Trailerteam galt der allgemeine Sparzwang dieser Low-Budget-Ausstellung. Filmmaterial ist teuer, und so sollte alles möglichst auf Anhieb klappen. Auch wegen der knapp bemessenen Drehzeit. Geprobt wurde vor allem das perfekte Timing. Seideneder legt Wert auf Professionalität. Als Produktionsfirma heuerte er die Mainzer Kontrastfilm an.

Uli Fischer und Wolfgang Damm von Pille Filmgeräteverleih leisteten bei der Auswahl filmtechnischer Ausrüstung altbewährte Unterstützung. "20:15" ist Seideneders achter Film mit der auf dem Mediengelände Unter den Eichen beheimateten Wiesbadener Firma. "Wir haben alle bei Pille gelernt", sagt er. Was soviel heißt wie: ein Praktikum gemacht. Für Firmenchef Uli Fischer bedeute die Zusammenarbeit mit jungen Filmern eine Investition in die Zukunft. Vier Drehtage im Dezember 2004 stellte die Firma Pille den Mainzer Studenten eine Arriflex 435 open gate zur Verfügung.

Diese Kamera mit modernster Technik lieferte die Voraussetzung für den so genannten One Shot, sprich: einen Film, der wie aus einem Guss wirkt. An genau berechneter Stelle des Film-Wohnzimmers stehend, rotierte die Kamera mehrfach um die eigene Achse und nahm an genau berechneten Punkten im Raum alle Darsteller und Gegenstände auf. Ein computergesteuertes Schneckengewinde ermöglichte eine gleichmäßige und per Programmierung identisch wiederholbare Kamerabewegung. Passgerecht konnten später in der Nachbereitung die einzeln gefilmten 360-Grad-Drehungen aneinandergefügt werden.

In der damals noch leeren Ausstellungshalle wurde das Set aufgebaut und gedreht. Ab der ersten Einstellung durfte sich der Kamerastandort nicht mehr verändern. "Jeder zufällige Stoß wäre der Supergau gewesen." Auf relativ engem Raum agierten am Set immer zahlreiche Schauspieler und Techniker, fanden ständig Umbauten statt, so dass die Gefahr groß schien. Set-Wachen wurden aufgestellt. Auch Seideneder verbrachte eine eher unbequeme Nacht zu Füßen der High-Tech-Kamera.

Zum Trailerteam gehörte eine ganze Gruppe von Studenten der Mainzer Fachhochschule. Schlüsselpositionen wie Aufnahmeleitung, Oberbeleuchtung oder Ausstattung wurden mit Profis besetzt. Man kenne sich von gemeinsamen Drehs und helfe sich gegenseitig auch ohne Bezahlung. Etwa ein Drittel der insgesamt 100 Mitwirkenden agierte als Schauspieler oder Statist. Selbst Professor Harald Pulch vom Mainzer Studiengang Medien-Design ließ sich den Filmauftritt nicht nehmen. Uli Fischer und Wolfgang Damm bejubelten in ihrer Szene das deutsche Siegertor der Fußball-WM 1954, und Günter Bartosch vom Förderverein des Wiesbadener Fernsehmuseums spielte den Peter des Jahres 2005. Gezeigt wird der Trailer in den Programmkinos Mainz und Wiesbaden, lokalen Sendern und natürlich in der Ausstellung "20:15".

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